Oriette

Andreas Kollender - Alkoholfrei

Andreas Kollender

„Alkoholfrei“

Gärtner schob den nach Rauch und Alter riechenden Vorhang zum Schankraum des „Frühaufsteher“ auseinander und trat an den Tresen. Elvira nickte kurz, ihr linkes Augenlid flatterte wie immer und sie reichte ihm schweigend eine Flasche alkoholfreies Bier über die fleckige Theke. Als Gärtner sich umsah, fiel ihm das Paar am Kopf des langen Ecktisches sofort auf. Der Mann war mindestens einen Kopf größer als Gärtner und grauhaarig, sah ein bißchen aus wie Gary Cooper, ein ruhiger Typ, souverän, wahrscheinlich jemand, den man nicht beleidigen konnte. Die Frau neben ihm auf dem rissigen roten Kunstlederpolster war schmal, die Wangenknochen warfen einen geschwungenen Schatten, ihre Augenbrauen waren arkadisch. Sie trug eine Kette von weißen Perlen, ihr Hals war schlank und glatt. Gärtner schmunzelte ein wenig resigniert: das unausrottbare Phänomen einer schönen Frau. Diese dort war wirklich sehr schön. Und fröhlich. Positive Ausstrahlung, dachte er, so nennt man das heute. Strahlte er gerade positiv? Wahrscheinlich nicht. Er setzte sich an das andere Ende des Tisches und zündete sich eine Zigarette an. Durch den Rauch spähte er zu den beiden hinüber. Was um alles in der Welt machten diese eleganten Menschen in dieser Spelunke in St. Georg? Hier, wo es rötlich gedimmtes Licht gab, wo die Huren von den Straßen draußen zum Pausieren einen Schnaps tranken und wo manch ein Freier sich mutig machte durch Flaschenbier und „Kurze“, die mit einer zuckenden Bewegung des Kopfes in den Rachen geschüttet wurden? Der „Frühaufsteher“, Kneipe der staubigen Flaschen und vor dreißig Jahren zum letzten Mal renovierter Toiletten. Was machten so elegante Menschen hier? Wahrscheinlich waren die beiden Touristen, die sich verlaufen oder die die Beschreibungen St. Georgs im Reiseführer missverstanden hatten. „Aufblühendes Szeneviertel mit vielen Kneipen und kleinen Restaurants...“ Vielleicht waren sie auch gerade im Schauspielhaus gewesen, das lag - erstaunlicherweise, wie Gärtner fand – nur eine Parallelstraße weiter. Genau, dachte er und nippte am Bier, die kommen aus dem Theater, haben sich hierher verirrt und waren dann vielleicht amüsiert zu sehen, in welchen Laden sie geraten waren.
Der Vorhang wurde auseinander geschoben und eine mollige, blondierte Frau mit weitem Dekollete kam herein, die Absätze der Stöckelschuhe eine absurd dünne Fortsetzung der runden Waden. Elviras Augenlid flackerte stark, als sie die Frau grüßte und etwas zu ihr sagte. Gärtner nippte am Bier und wandte sich wieder den beiden Schönen zu. Die strahlten genug Selbstbewusstsein aus, ihren sicher unbeabsichtigten Aufprall im „Frühaufsteher“ mit belustigt gehobenen Augenbrauen zu genießen. Claudia wäre sicher nicht amüsiert gewesen, ihn hier zu sehen und sie hätte auch nie die Gelassenheit aufgebracht, eine solche Kneipe zu betreten. Das verlangte eine Art von Humor und Beobachtungsgeist, den sie nicht hatte. Als Kompromiss dafür, daß er weiterhin Streifzüge durch St. Georg machen konnte, hatte sie gesagt, er solle dabei nicht saufen und auf alkoholfreies Bier umsteigen. Fand er blöd, aber um des lieben Friedens Willen... Er prostete sich selbst zu. Der Mann erzählte gerade etwas und blickte dabei versonnen in sein Sektglas, er schien weit fort in Gedanken an etwas schönes und die Frau sah ihn von der Seite an, ihr Hals war gespannt, ihr Kieferknochen klar abgesetzt und sie lächelte und zupfte sich einmal am Ohrring. Sie nickte, schien die Erinnerungen des Mannes zu teilen, ihr Lächeln wurde stärker, die Fältchen in den Augenwinkeln tiefer, ebenso die Grübchen und jetzt strich sie dem Mann kurz durch das feste, graue Haar. Mit gesenktem Kopf sah er sie an, die Augen ein wenig geschlitzt und tippte mit dem Zeigefinger in Richtung ihrer Nase als wolle er sagen, Du, alles war so schön, weil Du da warst. Die Frau lachte und schlang ihm die Arme um den Hals. Die große Hand des Mannes lag auf den Rippen der Frau. Schwarzer Pullover mit V-Ausschnitt, dachte Gärtner, steht ihr gut. Wann hatte Claudia ihn das letzte Mal so angelacht? So einerseits bewundernd und zugleich vertraut und liebevoll und ein wenig... neckisch? Wann war das? Wann hatte er überhaupt zum letzten Mal ein Paar gesehen, das so liebevoll und nett miteinander umging? Verena betrug Willi seit Monaten, Klaus ging ständig fremd, Petra und Martin hatten sich vor drei Monaten endgültig getrennt. Nico und Jenny schwiegen sich an. Die einzigen, bei denen es noch klappte, waren Jesper und Victoria und... Claudia und er. Oder? Manchmal, dachte er, weiß man es einfach nicht.
Gärtner brachte die leere Flasche zum Tresen, bestellte eine neue und ging zur Toilette. Als er die beiden passierte, sah er die Handtasche der Frau auf der Bank, eine seltsam abgegriffene Tasche, die mit Kunstperlen besetzt war. Während er am Pissbecken dem Plätschern seines Urinstrahls lauschte, fragte er sich, wie solche Dinge zustande kamen: Diese geschmacklose, billige Tasche. Bei dieser Frau. Das wäre seiner rothaarigen Claudia sicher nicht passiert.
Als er zurückkam in den Schankraum, waren alle Barhocker am Tresen besetzt und er mußte sich zwischen zwei Schulterpaaren hindurchdrängen, um an die Bierflasche zu kommen, die Elvira ihm hingestellt hatte. Ganz vorsichtig, sagte einer der Männer, zwischen denen er hindurchgriff, ganz, ganz vorsichtig. Schon okay, sagte Gärtner. Bisse ruhig, Mann, sagte der Mann, und Gärtner hob kurz die Hände und ging zu der Eckbank zurück. Der grauhaarige Mann schien die Szene beobachtet zu haben, sah Gärtner jetzt unter gehobenen Brauen an, grinste und zuckte die Achseln, als wolle er sagen, nimm`s nicht so ernst, es lohnt nicht. Auch die Frau lächelte, ihre Zähne waren ebenmäßig. Der Mann zupfte der Frau etwas vom Pulli, hielt es triumphieren hoch und pustete es weg. Die Frau lehnte sich zurück und atmete tief durch die Nase und der Mann fragte sie etwas. Als sie antwortete, nickte er, stand auf und ging zum Tresen. Wie von Geisterhand öffnete sich eine Lücke zwischen den Männern auf den Barhockern und der Grauhaarige bestellte etwas bei Elvira. Gärtner schürzte die Lippen. Okay, dachte er, okay, schon gut, Humor muß man haben, wenn man gut durchs Leben kommen will. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand kam der Grauhaarige zurück, er stellte die Tasse vor der Frau ab und verneigte sich. Die Frau nahm eine Zigarettenpackung aus der Handtasche und der Mann gab ihr sofort Feuer. Die Flamme aus dem Feuerzeug flackerte heftig, Gärtner blickte sich um, einige Männer hatten den verdreckten roten Vorhang an der Tür zur Seite geschoben und waren in den Schankraum gekommen. Sie fragten, ob an dem Tisch noch Platz sei und Gärtner rückte herum und war der Frau jetzt nah. Er roch ihr Parfüm, kannte es, wußte aber nicht woher. Immerhin, dachte er, war er aus dem Alter heraus, in dem ihn die Nähe zu solch einer Frau nervös gemacht hätte, immerhin. Was mochte sie von Beruf sein? Architektur? Irgendetwas mit Kultur, Theater vielleicht? Eine eigene Firma, die allein deshalb florierte, weil diese Frau so viel positive Energie ausstrahlte?
Dadurch, daß Gärtner herumgerückt war, konnte er hören, wie die beiden miteinander redeten. Die Stimme des Mannes war tief, die der Frau rostig. Gärtner mochte das, schmale, zarte Frauen mit einer kratzige Stimme. Der Mann sagte, es sei wirklich schön gewesen mit ihr im Urlaub und die Frau lächelte und sagte, schöner hätte es kaum sein können. Es sei ganz gleich, wohin man fahre, es komme nur darauf an, mit wem. Ob das ein Kompliment gewesen sei, fragte der Mann. Allerdings, sagte die Frau. Gärtner räusperte sich und überlegte, ob er Claudia übers Handy anrufen sollte. „Ich weiß auch nicht, Jenny“, sagte der Mann, „Du kennst meine Lebensgeschichte und all das... na, Du weißt schon. Es klappte ja alles. Aber Du... Himmel, Jenny, wenn ich Dich nicht gefunden hätte. Gott, Frau, Du bist es wirklich.“
Die Frau legte ihre langen Finger auf die Hand des Mannes, wollte etwas sagen, machte aber mit der freien Hand nur Kreise in der verrauchten Luft.
„Ist schon gut, meine Schöne“, sagte der Mann, „Immer blöd, wenn man meint, auf so etwas reagieren zu müssen, hm? Laß es einfach so stehen, Jenny. Laß es einfach. Du bist es. Und Punkt.“
„Hey?“
„Ja?“
„Du bist es auch“, sagte die Frau.
Gärtner zog sein Handy aus der Jackentasche und gab den Pin-Code ein. Akku leer. Er hob die Bierflasche. Auch leer. Der Grauhaarige guckte auf seine Armbanduhr und fragte Jenny, ob sie noch einen Sekt trinken wolle, bevor...
„Nein danke“, sagte Jenny, „lieber nachher.“
„Irgendetwas anderes?“
„Nein, laß mal. Ist schon gut.“
„Du müsstest dann allmählich.“
Der Mann stand auf und die Frau rutschte über die Bank, glättete ihren Rock und fuhr sich durch das braune Haar. Der Mann hielt ihr den Mantel auf und reichte ihr die Handtasche. Als die Frau jetzt die Arme ausbreitete, um in den Mantel zu kommen, bemerkte Gärtner, daß sie keinen BH trug. Er wußte nicht, was er dazu denken sollte. Gut? Schlecht? Frivol? Claudia trug auch nicht immer einen BH und er mochte das.
Der Grauhaarige küßte die Frau auf den Mund, verbeugte sich und gab ihr einen Handkuss. Die Frau winkte und verschwand durch den Vorhang. Sie war größer, als Gärtner es erwartet hatte. „Brauchen Sie noch einen Drink?“ fragte der Mann. „Ich muß eh zur Theke.“
„Äh, ja, danke, das wäre nett.“
„Alkoholfrei, richtig?“
„Ja.“
Der Grauhaarige ging zum Tresen und kam Sekunden später mit zwei Bierflaschen zurück.
„Das Leben ist schön, hm?“
„Oh, ja, allerdings“, sagte Gärtner.
„Sie müssen einfach nur geradeaus gehen.“
„Wie bitte?“
„Nun gerade am Tresen, der Typ, der Sie angemacht hat. Gehen Sie einfach geradeaus. Stellen Sie keine Fragen, sondern seien Sie sich Ihrer selbst schlicht und einfach sicher. Hinterfragen Sie anderen, hinterfragen Sie meinetwegen die ganze Welt, werden Sie philosophisch – aber... aber, mein Freund: hinterfragen Sie niemals – verstehen Sie, niemals - sich selbst.
Na, verzeihen Sie.“
„Bitte.“
Gärtner trank das Bier, bat um Verzeihung und der Mann rutschte von der Bank, um ihn herauszulassen.
Die Abendluft war kühl, es waren nicht mehr viele Leute unterwegs in St. Georg und Gärtner schlenderte nach links Richtung Steindamm, wo sein Auto stand. Seltsam, was dieser Fremde gesagt hatte. Geradeaus gehen, sich niemals hinterfragen. Das klang sehr nach mittelmäßigen amerikanischem Spielfilm, aber, dachte Gärtner und zündete seine letzte Zigarette an, es war real. Der Mann sah aus wie ein ernstzunehmender Mensch und er hatte das ohne jedes Pathos, ohne jede Geste gesagt. Verrückt, dachte Gärtner, echt verrückt. Muß ich Claudia erzählen.
Als er an der Spielhalle vorbeikam, sah er sie auf der anderen Seite. Sie hatte den Mantel weit aufgeschlagen und den Absatz des linken Schuhs an die Wand gestemmt, die schwarze Strumpfhose spannte sich über dem Knie. Die Handtasche mit den Kunstperlen pendelte an ihrem Handgelenk. Die Frau redete auf einen Mann ein, der schon halb vorbei gegangen war, aber ihr den Kopf zuwandte. Die Frau lachte, öffnete die Hände als wolle sie sagen, alles nicht so wild, nichts schlimmes. Der Mann sah sich um, ging dann auf sie zu und sagte etwas. Sie griff ihm zwischen die Beine und flüsterte in sein Ohr. Er nickte. Die Frau hakte sich bei ihm ein, und sie verschwanden um die Ecke auf den Steindamm.
Gärtner drehte um, ging zurück zum „Frühaufsteher“ und suchte nach dem Grauhaarigen. Der war nicht mehr dort. Der Tisch war leer. Nur die Barhocker noch immer alle besetzt. Gärtner drängte zum Tresen. Ganz vorsichtig, Mann, hörte er wieder.
„Halt die Schnauze, du Arschloch!“ Mit soviel Nachdruck, daß der Mann auf dem Hocker sich abwandte. Gärtner bestellte ein Bier. „Mit Alkohol, Elvira, und einen Kurzen.“
„Was ist denn mit dir los?“ Elviras Augenlid flackerte.
„Kann ich mal telefonieren?“
„Wen willst du denn jetzt noch anrufen?“
„Claudia.“
„Na, die wird sich freuen.“
„Ja“, sagte Gärtner, „wird sie auch. Wird sie wirklich. Wenn ich anrufe.“


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