Oriette

Meine Nacht im Krankenhaus

Eine wahre Geschichte von Donnerstag, den 18.11.2004 auf Freitag, den 19.11.2004

Doktor Lunau tastet um 8 Uhr 30 mein Bein ab. Die Wade links ist unförmig geschwollen. Das Knie dick. Verdammt noch einmal. Gerade jetzt, wo ich mich im Aufbruch befinde.

"Frau Meier, ich muss sie sofort in das Krankenhaus einweisen. Es besteht Thromboseverdacht." Mhm. Wir beide wissen, dass ich ein Jahr lang brach lag. Das kommt also dabei heraus: Thromboseverdacht. "Muss das wirklich gleich sein? Ich habe noch Termine." Um 11 Uhr beim Friseur, um 15 Uhr kommen Jutta und Peter zu Besuch.

Sie müssen unverzüglich in das Krankenhaus eingewiesen werden wiederholt der Arzt. Ich bin mutig und übe Zuversicht. Mein Adressbuch habe ich nicht in der Handtasche. Dem Friseur , ein eitler Maestro, muss ich absagen. Er duldet es nicht, seine Termine zu übergehen. Jutta und Peter muss ich verständigen. Ingrid, die Gefährtin in guten und schlechten Zeiten, soll Bescheid wissen. Zusammen mit der netten Sprechstundenhilfe suche ich aus dem Telefonbuch die Nummern meiner Verabredungen heraus. Oliver, der Ehemann von Ingrid, nimmt die Nachricht gelassen auf. Ingrid erwartet er um 13 Uhr zurück. Bei Jutta und Peter meldet sich der Anrufbeantworter . Hoffentlich erhalten sie meine Botschaft rechtzeitig.

Im Krankenhaus empfängt mich kompetentes Personal. Ich werde in einen Rollstuhl gesetzt, um in ein freies Bett gebracht zu werden. Auf meinen Einwand höre ich, dass Thrombosepatienten absolute Ruhe halten müssen. Ich darf mich nicht mehr bewegen, soll liegen. Da ich mich jetzt in der Obhut des Krankenhauses befinde erklärt mir die Schwester, müsse ich den Anweisungen Folge leisten. Im Fahrstuhl blickt mich die Gesundheitsschwester fest an: "Sie sind ein Jahr jünger als ich". Ach, sage ich zu der verhärmten Frau mit den grauen Haaren. Meine Haare sind rot gefärbt. "Welches Sternzeichen sind sie" frage ich. "Stier". Klasse platze ich heraus. Ich bin Jungfrau. Stier und Jungfrau sind ein ideales Gespann. Ein gutes Omen? So erzähle ich ihr, dass ich heute noch nichts gegessen habe und mir flau ist. Sie sorgt für Hühnerfrikassee, grünen Salat, Eis.

Dann in Windeseile: Somatoskopie, Röntgen, Blutabnahme, EKG. Der Mann am Bildschirm der Somatoskopie gefällt mir. Seine ruhige Art tut mir gut. Ernst verfolgt er die Kurven auf dem Bildschirm. Interessanter Typ. Der hat was an sich. Ich will ihn nicht zu auffällig anschauen und konzentriere mich auf die Wand gegenüber. Nach getaner Arbeit schiebt er mich zurück auf Zimmer Nummer 310. Frau Weber heißt meine Bettnachbarin. 74 Jahre. Ausgemergelt und leidend blickt sie mich an. Ihre Bettklingel funktioniert nicht, erklärt sie mir giftig. Ob meine Klingel geht, will sie wissen. An meinem Bett sehe ich gar keine Klingel. Frau Weber gebärdet sich ungehalten. Sie benötigt gleich eine Krankenschwester keift sie. Ich berichte, dass ich ebenso wie Frau Weber mein Bett nicht verlassen darf, also keine Schwester holen kann. Mir kommt die Idee, ein Telefon hatte ich vor zwei Stunden beantragt, das eigene Krankenhaus anzurufen und mich mit unserer Station verbinden zu lassen. Das erkläre ich Frau Weber. Diese Aktion verleitet Frau Weber vielleicht später zu dem Kompliment, ich sei intelligent. Der Zentrale erkläre ich unser Anliegen und bitte die Station zu informieren. Niemand kommt. Frau Weber jammert vor sich hin. Gestern war es genauso sagt sie. Um sie kümmert sich niemand. Nach einer langen Viertelstunde kommt ein Herr im Blaumann: "Wo ist die Klingel defekt brummt er?" Fluchend, Scheiße murmelnd repariert er die Klingel und siehe sie läutet wieder bzw. leuchtet rot auf. Frau Weber und ich triumphieren. Sofort klingelt sie. Ein böser Drachen unterrichtet Frau Weber darüber, dass sie nicht die einzige Patientin wäre, die zu versorgen ist. Sie soll gefälligst ihre diversen Wünsche zurückstecken.

Um 13 Uhr erwartet Frau Weber den Besuch ihrer Tochter. Sie erkundigt sich bei mir wiederholt nach der Zeit. Um sie aufzuheitern, mime ich die Zeitansage:" Ping, Pong, beim nächsten Gongschlag ist es 13 Uhr, 15 Minuten und 33 Sekunden." Die Tochter kommt um 14 Uhr. Eine kühle, streitbare Frau. Sie will ein Gespräch mit dem Chefarzt. Zu ihrer Mutter sagt sie, dass über eine Heimunterbringung gesprochen werden muss. Der Nachmittag schleppt sich dahin. Ich darf Frau Webers "Bild der Frau", "Tina" und andere ähnliche Blätter lesen. Wir reden. Ihr Ehemann ist bereits tot. Ganz in der Nähe wäre ihre Wohnung. Die Tochter hat einen Freund, der auf dem Großmarkt arbeitet. Frau Weber freut sich darüber, dass sie endlich mal eine nette Bettnachbarin hat. Die anderen hätten sie boykottiert und nicht mit ihr geredet. Es erscheint eine korpulente Schwester mit Gummihandschuhen, um Frau Weber einen Katheder anzulegen. Der Katheder blubbert vor sich hin, was Frau Weber unmöglich findet. Mich erinnert das Geräusch an eine Kaffeemaschine. Frau Weber klingelt oft. Sie muss immer lange auf die Schwester warten. Diese beginnt, sie auszuschimpfen. Ich überlege, ob und wie ich mich einschalten soll. Plötzlich stellt Frau Weber fest, dass ihre Handtasche fehlt. Große Unruhe. Panik. Deshalb rufe ich bei der Tochter wegen der fehlenden Handtasche an. Die steht doch auf dem Fensterbrett faucht sie. Leider habe ich das übersehen. Frau Weber zerrt aus ihrer Handtasche für mich fünf EURO wegen der Telefonkosten. Standhaft weigere ich mich, das Geld anzunehmen. Frau Weber will wissen, wie denn mein Mann sei. "Ich habe keinen". Verwundert stellt Frau Weber fest, dass so eine hübsche und intelligente Frau keinen Mann hat. Ja, ja, die Zeiten sind schlecht. Ein bißchen freue ich mich über das Kompliment. Hübsch, na ja, sie sieht schlecht. Intelligent, sie hörte interessiert bei meinen Telefonaten zu. Nun klagt Frau Weber zunehmend über Schmerzen. Klingeln. Bei dem bösen Drachen von Schwester hat ein Stimmungswechsel stattgefunden. Sie wird freundlicher. Später erinnere ich mich daran. Ob die Schwester etwas wußte, was Frau Weber und ich noch nicht ahnten. Schichtwechsel findet um halb Zehn statt. Die Nachtschwester ist ein Engel. Sie ist außerordentlich lieb. Frau Weber wird gewendet. Sie bittet um ein Schmerzmittel und bekommt es. Frau Weber redet und redet. Ob mir denn nichts weh tut fragt sie. "Ja, mein Knie tut ein bißchen weh." Frau Weber brabbelt ununterbrochen vor sich hin. Vieles verstehe ich nicht. Ja, Ach, So, So sage ich und versuche wach zu bleiben. Bleierne Müdigkeit überfällt mich. Ob ich schlafen will, fragt Frau Weber. "Ja". Gute Nacht höre ich von Frau Weber. "Gute Nacht" Frau Weber testet noch einmal: "Gute Nacht".

An meiner Schulter wird leicht gerüttelt. Frau Meier teilt mir die Nachtschwester mit, wir fahren Frau Weber aus dem Zimmer heraus, weil es ihr so schlecht geht. Ich erwache. Stille. Nichts habe ich mitbekommen. Ich krieche unter die Decke und versuche weiterzuschlafen. Geht nicht. Vorbei. Ich bin wach.

Also Licht angeknipst, Kopfhörer aufgesetzt, um Radio zu hören und Blättern in den Magazinen. Um 7 Uhr morgens kommt der Krankenpfleger Martin. "Hi, ich bin Martin", stellt er sich vor. Seine Aufgabe ist Blutdruckmessen und mich auf einer Sitzwaage zu wiegen. Später würde wieder eine Blutentnahme durchgeführt und wenn die in Ordnung ist, kann ich gehen. Der Thromboseverdacht hat sich nicht erhärtet. Wie geht es Frau Weber frage ich, er weiß es nicht. Frühstück. Den bösen Drachen frage ich auch: "Wie geht es Frau Weber?" Sie sieht mich ernst an und sagt: "Frau Weber ist heute nacht verstorben." Frau Weber ist tot vollzieht mein Hirn. Das war ihr Todeskampf, den ich teilweise miterlebte. Wie gut, dass ich sie nicht abblitzen ließ und viel mit ihr gesprochen hatte.

Ich muss auf den Oberarzt warten, der über meine Entlassung zu entscheiden hat. Ein gutaussehender Krankenpfleger kommt. Sieht schwul aus. Dezent beginnt er Frau Webers Habseligkeiten in einen Koffer zu packen. Graue Wolljacke, rosaroter Morgenmantel, Kulturbeutel. Alles gepflegt und ordentlich. Meine Bettruhe ist aufgehoben, deshalb stehe ich am Fenster und presse mich an die Heizung. Mir ist kalt. Unaufgefordert erzählt mir der schöne Mann, dass Frau Weber sanft entschlafen ist. Ihr Gesicht wäre ruhig, zufrieden gewesen. Er kennt sich da aus.

Meine Entlassung wird mir von dem tollen Bildschirmmann mitgeteilt. Ob ich einverstanden bin, wenn der Bericht an meinen Arzt gefaxt wird? Selbstverständlich. Ich strahle ihn an und lobe das Krankenhaus. Er grinst mich an und meint, dass er so eine angenehme Patientin schätzt. Das war es. Schnell nehme ich meine Handtasche und verlasse das Zimmer Nummer 310. Auf dem Gang stehen Frau Webers Tochter, die Drachenkrankenschwester und der Schönling. Ich drücke der Tochter stumm die Hand. Sie hat eine eiskalte Hand. Ihr Gesicht ist entsetzt und verweint. Die Krankenschwester sagt zu mir:" Wie böse sie guckt" und deutet mit dem Finger auf die Tochter. Für mich guckt diese nicht böse. Mir scheint, dass sich die Tochter mir an die Brust werfen will. Ich will weg. Die Krankenschwester: "Sie will mit dem Chefarzt sprechen und eine Obduktion will sie auch." Der Schönling zuckt die Achseln. Wohlweislich verkneife ich mir ein "Wiedersehen" und rufe "Tschüs". Dann eile ich die Treppen hinab. Aufnahme und Entlassung steht an der Tür. Im Wartezimmer sitzt ein heulendes Elend. Aha – Aufnahme. Ich unterschreibe meine Telefonrechnung und sage, dass ich zufrieden war. "Empfehlen Sie uns weiter" kichert eine resolute Person. "Na, ich hoffe, dass in meinem Bekanntenkreis niemand so bald von ihren Einrichtungen Gebrauch machen muß." Abgang. Zu Fuß schleiche ich dem Kaiser-Friedrich-Ufer entlang Richtung nach Hause. Kalte Sonne, Hunde, Jogger. Ich entschließe mich, nicht gleich nach Hause zu gehen, sondern unangemeldet Maestro Ernesto aufzusuchen. Der strahlt mich an. Küßchen auf die rechte Wange, Küßchen auf die linke Wange. Er sei so froh, dass ich nur eine Nacht im Krankenhaus bleiben mußte. Zwar ist er ausgebucht, aber er wird mich einschieben. Ob er mir inzwischen ein Glas Sekt kredenzen darf? "Ja".

Aus dem Spiegel blickt mich mein bleiches Gesicht an. Die Farbe wird bald wieder kommen. Natur oder Rouge. Plötzlich erscheint auch Frau Webers Gesicht im Spiegel. Sie winkt mir zu. Ich proste mit meinem Sektglas zurück. Leben sie wohl auf Weber. Die Nacht ist endgültig vorbei.

Version erstellt am 31.5.2007


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