Zum x-ten Mal fuhr sie diese Strecke. Wieder fiel ihr das Wohnmobil am Rand der Bundesstraße auf. So schnell wie es auftauchte, hatte sie es bisher immer wieder vergessen. Doch diesmal, als Beifahrer, konnte ihr Blick länger auf dem Auto verweilen. Das elektrisch beleuchtete, rotfarbene Herz an der Windschutzscheibe fiel ihr besonders auf. Komisch, dachte sie, so ein Auto hier an der Strecke. Sie drehte den Kopf nach rechts, um das Gefährt länger betrachten zu können. Ihr Blick fiel auf eine telefonierende Frau hinter dem Steuer. Vielleicht hatte sie sich verfahren und fragte nach dem Weg. Es dämmerte - es war bereits später Nachmittag. Der Feierabendverkehr setzte langsam ein und ließ die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos wie leuchtend runde Augen fremder Tiere erscheinen. Der Wagen surrte mit unverminderter Geschwindigkeit weiter Richtung Autobahn. Weg von dem roten Herzen. „Komisch, dass die Frau dort telefonisch nach dem Weg fragt“, brach sie an den Fahrer gerichtet das Schweigen. „Hier sind doch Häuser. Warum fragt sie nicht da nach?“ „Wie kommst du denn darauf ?“ „Was sollte sie denn sonst da machen?“ „Die wartet auf Kundschaft!“ „Hä? Wieso Kundschaft?“ Inzwischen hatten sie die Auffahrt zur Autobahn nach Bremen passiert und fuhren weiter ihrem Ziel entgegen. Sie bekam nichts davon mit. Ihre Gedanken kreisten um das fragwürdige Wohnmobil. „Du meinst“ begann sie zögerlich „die arbeitet dort?“ Ihre Stimme klang zweifelnd. Wie konnte jemand in so einer Umgebung denn arbeiten? Ihr fiel die leichte Bekleidung der telefonierenden Frau wieder ein. Für diese Jahreszeit erschien ihr ein leichtes Top nicht gerade ausreichend. Natürlich, sie wartete auf Arbeit – vielleicht hatte sie gerade eine Anfrage per Telefon erhalten. Der Verkehr auf der Autobahn war enorm. Auf der rechten Spur reihten sich LKW wie an einer Kette auf und glitten dahin. „Du meinst, die wartet auf Männer?“ Endlich formten sich die Ungereimtheiten als Ganzes. „Sag`mal, meinst du, dass da viele Männer halt machen?“ „Keine Ahnung. Aber es lohnt sich wohl, sonst wäre sie wohl nicht so häufig dort!“ „Wieso? Woher weißt du denn das?“ Der Fahrer blickte stur geradeaus und fixierte das Nummernschild des vor ihnen fahrenden Geländewagens SE – X 69 und grinste. „Jetzt erzähl schon. Was weißt du darüber?“ drängte sie neugierig. „Gar nichts. Scheiße Mann – paß doch auf, du Idiot.“ Wütend trat er auf die Bremse, um dem Vordermann nicht auf die Stoßstange zu fahren. „Ablenken gilt nicht.“ „Nee, ehrlich, ich kann das nicht beurteilen. Aber ich sehe solche Wohnmobile häufiger. Die stehen immer an den gleichen Stellen.“ Von ihren eigentlichen Gedanken ablenkend fragte sie: “Müssen die denn auch Steuern zahlen?“ „Ich denke schon. Wenn sie angemeldet sind, müssen sie. Und hier an der Straße kommen sicherlich auch mal Kontrollen vorbei.“ Gerade als er den Satz beendet hatte, passierten sie ein Schild mit dem Hinweis „Radarkontrolle“. Sie musste schmunzeln. „Sag mal, würdest du dich trauen, zu so einer zu gehen? Ich glaube, ich könnte das nicht.“ Allein bei dem Gedanken schüttelte sie sich. Die Vorstellung des miefigen Dunstes eines eventuellen Vorgängers eine halbe Stunde zuvor ließen ihre sensiblen Adern erschauern. Die Härchen der Arme stellten sich fröstelnd auf. „Ob die sich denn danach immer waschen? Oder die Laken wechseln?“ „Sicherlich darfst du da nicht bei Tageslicht in die Autos gucken...“ Sie unterbrach ihn kleinlaut: „Nee, lieber bei romantischer Beleuchtung, damit man auch die Celulite an den Beinen nicht so sieht...“ Sie bogen von der Autobahn ab. Kurze Zeit später hoppelte das Auto über eine Straße mit altem Kopfsteinpflaster. Sie hatten ihr Ziel erreicht. „Du, versprich mir, dass wir auf dem Rückweg die gleiche Strecke fahren“, bettelte sie. „Ich will sehen, ob die Frau Kundschaft hat.“ Sie wusste, dass sie immer wieder diesen Weg nehmen würde, nur um ihre Neugier zu füttern. Vielleicht, wenn sie ganz mutig wäre, würde sie irgendwann diese Frau einmal interviewen. Ihr Leben schien so ganz anders als ihr eigenes. Sie wollte sie gern kennenlernen und vielleicht auch verstehen.
von Helga Harms im März 2008