| Ort: Hamburg, Rathausmarkt Datum: Pfingstmontag, 28.5.2007 Zeit: Von 12 bis 16 Uhr | ![]() |
Ich fühle mich als Hamburgerin mit Leib und Seele, obwohl meine Wiege in Bayern stand. Meine Wahlheimat versteht ständig Feste zu feiern, wie Hafengeburtstag, Alstervergnügen, Dom, Derby auf der Horner Rennbahn, Tennis am Rothenbaum, St. Paulis Aufstieg in die 2. Liga und so fort.
Unsere Ereignisse besuche ich zur Zeit auf 2 Krücken. Eine Verletzung macht mir zu schaffen.
Heute fuhr ich um ca. 12 Uhr mit dem Bus zum Jungfernstieg. Aufgrund behördlicher Anordnung kann die Haltestelle Rathausmarkt heute und Morgen nicht bedient werden. Dank diskretem Polizeieinsatz gelange ich an die Absperrungsbarrieren vor dem Rathaus. Links und rechts des Tores zur Welt ist respektabel geflaggt. Sporadisch queren Polizisten, Sicherheitskräfte, Hostessen den großen freien Platz. Das Volk hinter den Absperrungen trinkt, ißt, unterhält sich, gafft. Viele Touristen sind erkennbar. Sprachengewirr, Dialekt, interessante Leute, Alte, Junge, Reisegruppen, Radfahrer. Manche wissen nichts Genaues und faseln Unsinn.
Schwarze Limousinen fahren unter Polizeischutz vor. Die Fenster sind verdunkelt, die Standarten wehen. Herren in dunklen Anzügen verschwinden schnell im Rathauseingang. Warum rennen die so? Passiert doch nichts. Da, ein neuer Wagen, ein Herr steigt aus und trägt einen mittelgroßen Koffer in das Gebäude. Ich staune. Wegen eines einzelnen Koffers dieser Aufwand. Läßt sich einer der Herren Kleidungsstücke zum Umziehen bringen?
2 Polizisten links außen fallen mir auf. Noch haben diese Zeit und wir unterhalten uns. Sie stellen Bürgernähe her und der große Blonde macht einen überaus gewandten Eindruck. Wie ist es mit Trinken, Essen, Austreten frage ich. Findet alles im Mannschaftswagen statt. Natürlich. Der Kollege, ein kleiner Dicker erzählt mir, dass sie aus Köln kommen. Hamburger Sehenswürdigkeiten werden sie nicht kennenlernen, Dienstagabend dürfen sie wieder nach Hause fahren. Plötzlich nähert sich eine abgehetzte Dame. Sie zeigt auf ihren umgehängten Ausweis, spricht von Akkreditierung und will zum Dorint Hotel. Scheinbar sind doch nicht alle im Atlantik Hotel abgestiegen. Mit unverkennbarem Kölner Dialekt erklärt der kleine Dicke den Weg zum Hotel. Ich frage die Polizisten, wann Dienstschluß ist. Das wissen sie nicht meinen sie, es hängt von der aktuellen Lage ab. Kommt es zu Ausschreitungen, verlängert sich der Dienst. Da die Beiden einer Unterhaltung nicht abgeneigt sind, bleibe ich stehen. Kühn teile ich dem Größeren mit, dass ich an der Demonstration teilgenommen hätte, wenn ich die Krücken nicht hätte. Ruhig will dieser wissen, gegen was ich denn demonstrieren würde. Gegen alles entgegne ich, ein sogenannter Rundumschlag. Nebenan diskutieren fünf Herren darüber, dass die Hamburger Polizei doch recht locker ist. Mir wird flau. Kumpir gibt es an einem Kiosk. Drei flinke Türken bedienen. Während einer Pause holen sich zwei türkische Verkäufer von nebenan Bratwürste. Sie können Kumpir nicht mehr sehen, nicht mehr essen erfahre ich. Einer gibt mir den neuesten Stand der Demonstration durch. 14 Uhr, die sind jetzt am Fischmarkt gestartet. Hier kann nichts passieren sagt der eine. Wenn es trotzdem zu Krawall kommt, schließt er sofort den Kiosk. Für die Linken hat er überhaupt nichts übrig. Das Gespräch wird heftiger: Die Bonzen im Rathaus saufen, fressen, huren von unseren Steuergeldern. Alle sind sich einig, dass wir das nicht unterstützen wollen.
Meine Beine sind müde. Ich verabschiede mich. Ab und zu höre ich Martinshörner. Alles wirkt entspannt, friedlich. Um 16 Uhr sollte eine Kundgebung der Demonstranten auf der Moorweide stattfinden. Dazu kommt es nicht. Ich humple durch die Colonnaden, wo ein Antiquitätenmarkt stattfindet. Bei einem Polizisten erkundige ich mich nach dem Stand der Demonstration. Er kennt ihn nicht. Bereitwillig holt er telefonisch Informationen ein. Die sind jetzt am Rödingsmarkt erfahre ich. Also steige ich in die U-Bahn Stephansplatz und fahre umständlich nach Hause.
Hamburg, für mich die schönste Stadt auf der Welt, hat sich wieder charmant präsentiert.

Epilog
Zitat von Chinas Außenminister Yang Jiechi nach der ASEM-Konferenz:
"Sie hätten nicht Hamburg auswählen sollen als Ort dieses Treffens. Hamburg ist einfach zu schön für so etwas."