Sitzen und nicht stehen - das ist es, dachte sie. Langsam wanderte Andrea durch die im
letzten Sonnenlicht liegende Waldschneise. Es wurde inzwischen kühl, ein leichter Wind hatte
eingesetzt und ihr taten die Beine vom Laufen weh.
Jürgen hatte sie ohne Kommentar oder ein Wort stehen gelassen, hatte sich umgedreht und
war davon gegangen. Sie hatte den Weg allein weiter fortgesetzt.
Immer mussten sie sich streiten. Und dabei meistens über die unsinnigsten Dinge. So ist es
seit langem zwischen ihnen. In diesem Fall war der Streit weitaus ernster gewesen und
diesmal auch tiefer gegangen. Sie hatte ihm auch nicht hinterher gerufen oder nur versucht,
ihn zurückzuhalten. Zuerst war sie richtig wütend wie ein brüllender Löwe auf Jürgen
losgegangen, hatte ihn mit Argumenten zugedröhnt, aber inzwischen hatte sich ihr Kopf
abgekühlt und sie dachte die ganze Zeit etwas rationeller über ihren Streit.
Die Stunden waren beim Weiterlaufen nur langsam vergangen. Die Zeit und die Zeiger auf
ihrer Uhr drehten sich ein ums andere Mal ganz langsam um die eigene Achse. Sie hatte sich
während der gesamten Stunden, während sie weiter lief, nach ihm umgeschaut. Aber nichts
sprach von seiner Anwesenheit. Sie wäre jetzt sogar froh gewesen, wenn sie sich in diesem
Moment an ihn hätte lehnen können. Sie hätte dann Ihr Alleinsein, ihren Frust, ihre
beginnende Angst und ihre Hilflosigkeit nicht so stark gefühlt. Aber er war weg und im Wald
verschwunden. Ob er zu Hause auf sie wartete? Das konnte sie diesmal wohl von ihm nicht
erwarten.
Das Wetter an diesem Tag hatte bereits am frühen Morgen mit herrlichem Sonnenschein
bestochen. Es war warm, die Temperaturen an diesem Vormittag hatten schnell die höchsten
Höhen erreicht und ihnen den Schweiß auf die Stirn getrieben. Der richtige Tag zum
Rausgehen und Wandern und beide waren sie begeistert aufgebrochen. Nun war der Tag
herum und es wurde langsam schummrig und der Wind wurde immer kühler. Das war zwar
jetzt sehr angenehm, aber wo mochte sie sein? Irgendwie kam es ihr alles so unbekannt vor.
Hierhin hatte sie ihr Weg noch nie geführt. Sie war ja eine große Wanderin vor dem Herrn
und sie hatte immer damit geprahlt, wie weit sie laufen konnte, wie viele Kilometer sie
abgelaufen hatte und wie sie sich in diesem Waldgebiet auskannte. Aber nun stand
beziehungsweise lief sie hier herum und hatte die Orientierung völlig verloren.
Eine Blase an der rechten Hacke ihres rechten Fußes hatte sich gebildet und begann zu
schmerzen. Mist, irgendwo eine Bank zum Sitzen und dann noch ein großes Glas Wasser
gegen den Durst, dachte sie. Das wäre es jetzt und es schwebte ihr vor ihrem geistigen
Auge. Aber all das gab es nicht und lag in weiter Ferne. Was sollte sie nun tun? Ihre Schritte
wurden immer langsamer und schleppender. Sie begann jetzt auch über die kleinsten
Baumwurzeln und Hindernisse, die ihr im Wege lagen, zu stolpern. Andrea war zum Heulen
zu Mute. Andrea, allein im Wald.... Zum Witzemachen, selbst in Gedanken, danach war ihr
jetzt überhaupt nicht zumute.
Der Schweiß rann ihr trotz der eintretenden Kühle den Rücken und den Hals herunter wie ein
stetig fließender Wasserstrom. Hatte sie jetzt Angst oder war sie überanstrengt? Sie wusste
es nicht. Jetzt musste sie nur irgendwie das Ende des Waldes finden, um dann auf
irgendeiner Straße zur Siedlung zurückkehren zu können. Aber wo lag dieser Weg? Es wurde
jetzt Zeit, denn im Dunkeln wurde es immer schwieriger irgendeinen Weg zu sehen,
geschweige ihn zu finden.
Über den Krach mit Jürgen dachte sie immer weniger nach, nur noch das „aus dem Wald
finden“, das war jetzt gedanklich ihr Hauptanliegen.
Die Schmerzen am Fuß wurden immer stärker. Sie hielt kurz inne und betrachtete im
abnehmenden Sonnenschein ihre Blase am rechten Fuß. Andrea zog den rechten Schuh und
die Socke aus. Die schneeweiße Socke hatte sich in der Zwischenzeit blutrot wie
Tomatenketchup gefärbt und die Blase selbst hatte sich in ein paar Hautfetzen aufgelöst und
hing unordentlich an ihrem Hacken herunter. Es brannte, als wäre sie in ein Riesenbeet von
Brennnesseln getreten und sie hatte unerträgliche Schmerzen. Sie torkelte weiter. Gehen
konnte man dazu nicht mehr sagen. Den Schuh und die Socke bekam sie nicht mehr an und
nahm deshalb nun beides in die Hand. Langsam begann sie hysterisch zu werden. Sie weinte
und die Tränen der Wut, der Schmerzen oder was auch immer es war, rannen ihr wie ein
Sturzbach über das Gesicht und schmeckten, als sie ihren Mund erreichten, eklig salzig.
Sie blieb wieder stehen, hörte in die Stille und vernahm hin und wieder verdächtiges
Knacken im Gehölz. Sie bekam Angst, begann wie Espenlaub zu zittern und nur ab und zu
hörte sie einen Vogel trällern, der in den Ästen sein Abendlied sang. Daneben war es
unheimlich still. Jetzt war es schon ziemlich dunkel und Andrea konnte gerade noch
schemenhaft die Bäume erkennen. Da, etwa dreißig Meter von ihr entfernt lag ein
abgeschlagener Baumstumpf, der sie geradezu zum Ausruhen einlud. Sie kämpfte sich mit
ihren Schmerzen weiter und erreichte nach kurzer Zeit den Baumstumpf und ließ sich darauf
fallen. Endlich ausruhen, endlich entspannen. Es war eine Wohltat. Einige von ihren
Lebensgeister kam zurück und sie sah die Welt jetzt wieder etwas positiver. Ihre Tränen
hörten auf zu strömen und sie überdachte ihre Situation.
Plötzlich durchzuckte es sie, neben ihr im nahegelegenen Gebüsch knackte es laut wie bei
einem brennenden Scheiterhaufen, wenn die Scheite in der Feuerbrunst zusammenbrechen,
und aus der Schonung trat eine Person. Sie konnte selbst durch die wenigen Meter nicht
erkennen, um wen es sich handelte. Ob es ein Mann oder eine Frau war, selbst das war in
der Dunkelheit nicht zu erkennen. Die Person hielt geradewegs auf sie zu. Andrea wagte
kaum zu atmen, sie hielt die Luft an und selbst ihre Schmerzen waren in diesem Moment
nicht mehr zu spüren. Sie hatte panische Angst.
Als sie etwa drei Meter vor ihr stand, erkannte sie in der Person einen Mann. Er war genauso
erschrocken wie sie und starrte sie an. „Was tun Sie denn hier, um diese Zeit?“, war das
erste und einzige, was er von sich gab. Er war zirka einen Meterfünfundachtzig groß, war
schlank und kräftig, hatte blondes kurzes Haar. Irgendwie kam er Andrea bekannt vor, aber
woher, das wusste sie jetzt nicht. Er war mit einem kurzen blauen T-Shirt und ebenso blauen
Jeans bekleidet. Er war etwa in Andreas Alter. Die Spannung löste sich schnell auf beiden
Seiten. Andrea konnte nur stotternd antworten: „Ja, was mache ich eigentlich hier“, und
erneut liefen ihr vor Entspannung die Tränen die Wangen herunter. Dann lud sie ihn mit
einer Handbewegung ein, sich ebenfalls auf den Baumstumpf zu setzen. Dieser Einladung
folgte er ihr umgehend und ließ sich neben ihr nieder. Er drehte sich zu ihr um, blieb aber
still. Sie begann auf ihn einzureden und schilderte ihm in blühenden Farben alles, was ihr in
den letzten Stunden passiert war: von ihrem Streit mit Jürgen, von dem Alleingelassen
werden und von ihrer Panik, den Weg nicht mehr zu finden. Andrea nahm keine Rücksicht
und redete wie ein Wasserfall auf ihn ein und die Worte flossen aus ihr heraus wie ein
frischer Bergquell.
Sie bemerkte nicht, dass er überhaupt nicht reagierte oder auch nur irgendwann antwortete.
Sein Blick blieb eher verschlossen und unnahbar und so sah sie auch nicht, dass er in seiner
rechten Hand ein längliches buntgemustertes Seidentuch hatte. Damit spielten seine Hände
die ganze Zeit, während sie ihm von ihren Missgeschicken berichtete.
Plötzlich versiegte ihr Redeschwall und sie bemerkte es nun doch und schaute ihn an. Sie
erwartete irgendeine Reaktion, sie erschrak und dann sah sie nur noch wie seine beiden
starken Arme ohne Vorankündigung vorschossen. Der Schal, der sich vorher in seinen
kräftigen männlichen Händen befunden hatte, schlang sich um ihren Hals und während sie
versuchte zu schreien, begann der sich immer fester um ihren Hals zu legen.
Er wurde zugezogen, bis sie gar nichts mehr sah. Sie war in Panik und setzte erneut zu
einem Schrei an, aber der blieb ihr im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken. Sie
strampelte, verlor die Besinnung und dann nahm sie gar nichts mehr wahr. Als sie
erschlaffte, rutschte sie vom Baumstamm und blieb dort im Dunkeln liegen. Das bekam
Andrea aber nicht mehr mit. Es war und blieb dunkel um sie.
-
Die Sonne, die sich durch die Spalte des Rollos einen Weg gesucht hatte, kitzelte ihr in der
Nase. Sie wurde langsam wach und bemerkte, dass sie in ihrem Bett lag. Jürgen beugte sich
mit einem sorgenvollem, aber liebevollen Blick über sie. „Du hast eben im Schlaf gestöhnt
und geschrieen, das hat sich schrecklich angehört!. Du hattest wohl einen bösen Traum,
oder?“ Andrea schaute dankbar zu ihm auf und erwiderte: „Ja, das war es wohl - Du,
Jürgen, ich muss Dir was gestehen.... !“.
„Nein, jetzt nicht ‚..Andrea– später: komm’, es ist ganz herrliches Wetter, wir frühstücken
schnell, nehmen ein paar Sachen zum Essen mit und dann gehen wir raus ins Grüne. Dort in
das Waldstück, das Du so liebst. Du wanderst doch so gerne.......“
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DS / 8.01.2007