Oriette

Andreas Kollender: Der Umschlag

Max versuchte so zu tun, als wisse er es nicht. Seine Frau konnte nicht ahnen, daß sich dieser andere Mann als beißender Schatten der Vergangenheit in ihr Leben gedrängt hatte. Max kam jetzt oft erst spät heim, setzte sich ans Bett und sah seine schlafende Frau an. Ihre eine Gesichtshälfte lag im Licht, das durch das Fenster kam. Die andere war dunkel. Max hielt eine Rose in der linken Hand, ein Messer in der rechten.

Der Mann war zu ihm gekommen. Am Elbstrand. Er mußte ihm gefolgt sein. Voller Haß. Voller Häme. Ein Mensch, zum Platzen angefüllt mit Missgunst. Dieser andere versperrte ihm plötzlich den Weg, ballte eine zitternde Faust zusammen. „Ich könnte dich...“Der Rest des Satzes endete in einem Geräusch zwischen Schrei und Brummen. Max hatte den Mann nie zuvor gesehen. Er fragte, was das solle und ob er Max mit jemandem verwechsle. „Nein. Ich verwechsle dich nicht. Du, du hast ihn mir genommen. Nur wegen dir ist das alles... Ich könnte dich...“ Neben dem Haß lauerte Trauer und Verletztheit im dem Gesicht. Als würde die Aggression von Gummibändern zurückgezogen. „Was wollen Sie?“ fragte Max. Der Fremde sagte nichts, er blickte sich um, griff in die Innentasche der Jacke, zog die Hand aber leer wieder hervor. „Das was ich will, gibt es nicht mehr“, sagte er. „Ausgelöscht. Verschwunden. Weg.“ „Hören Sie, ich bin nicht der, den Sie suchen. Was immer es auch ist... Ich habe nichts damit zu tun.“ „Sie Scheißkerl. Müssen Sie mich jetzt auch noch belügen, ja? Das auch noch?“ Max verschränkte die Arme vor der Brust. „Gehen Sie. Gehen Sie einfach“, sagte er. „Hat er Ihnen nie von mir erzählt?“ fragte der Fremde. „Kein Wort? Ich wäre beinahe für ihn gestorben. Und er hat nie von mir erzählt?“ „Wer? Wer, verdammt noch mal, hat nie von Ihnen erzählt? Paul? Ich bin unschuldig. Ich habe tausendmal gesagt, daß ich zu spät gekommen bin. Ich habe es nicht geahnt. Keiner hat das damals.“ Der Mann schüttelte den Kopf und starrte auf die Elbe hinaus. „Ich habe Jahre gebraucht“, sagte er. „Jahre. Der Name, die Adresse, der ganze Scheiß. Sehen Sie diesen Frachter da?“ Max guckte nicht nach dem Schiff. „Die zwei Leute an der Reling?“ Der Fremde zögerte. „Ah, ich verstehe“, sagte er, „wirklich Hingucken ist nicht so Ihre Sache. Ich sage Ihnen, wenn die beiden da an dieser Reling Masken trügen, würden Sie es nicht erkennen.“ „Du großer Gott. Aus welcher Anstalt sind Sie ausgebrochen?“ Der Fremde lachte rau und tippte mit dem Zeigefinger in Max` Richtung. „Ich habe Ihr Haus beobachtet. Ich habe... Sie beobachtet.“ Max starrte ihn an. Er hatte in den letzten Tagen ein Auto unten auf der Straße am Haus bemerkt, das sonst nicht dort stand. Aber er hatte sich nichts weiter dabei gedacht. Der Fremde griff wieder in die Innentasche. Max spannte die Muskeln an. Er hatte plötzlich Angst. „Ich gehe jetzt“, sagte er. „Ich konnte Paul nicht mehr helfen.“ „Paul? Paul? Ich kenne keinen Paul.“ Der Fremde trat wütend in den Sand. „Jahre lang“, schrie er. „Eine Ewigkeit. Und dann das.“ Max wandte sich von dem Zorn ab, ging auf den Fußweg oberhalb des Elbstrandes zu und wollte den Hang zur Straße hinauf. „Er hat es Ihnen nicht gesagt?“ Max ging weiter, versuchte die helle, sich überschlagende Stimme zu ignorieren. „So geht man nicht mit Menschen um. Mit Liebenden.“ Max ging weiter. „Sie wissen es wirklich nicht, hm? Max Vogel? Sie wissen es nicht.“ Max blieb stehen, konnte die Straße oben von hier aus nicht sehen und drehte sich um. Der Mann stand weit unter ihm, die Hände in die Hüften gestemmt. Das Schiff mit den beiden Männern oder Frauen an der Reling war hafenwärts weitergefahren, durch die Baumkronen sah Max das rostangefressene Heck. „Was weiß ich nicht? Was?“ Er stach mit dem Zeigefinger in Richtung des Fremden. „Hören Sie auf, ja. Und ich warne Sie: tauchen Sie nicht noch einmal vor meinem Haus auf.“ „Vor euerem Haus. Sie wohnt doch mit Ihnen zusammen, nicht wahr? Ihre hübsche, kleine, schmale Frau?“ „Jetzt reicht`s. Mistkerl.“ Er stieg den Hang hinauf. Feuchte Erde rutschte braun unter seinen Schuhe weg. „Hier!“ schrie der Mann. „Hier. Hier.“ Max blickte sich um. Der Fremde griff erneut in die Innentasche, zog einen Briefumschlag hervor, wedelte damit und ließ ihn in den Sand fallen. Er wischte sich über die Augen und ging in die Richtung, in die das Schiff gefahren war. Max sah nach oben zur Straße, stieg aber den Hang hinab, überquerte den Fußweg und gelangte in den Sand. Er hockte sich hin und betrachtete den Umschlag. Braunes Papier, unbeschriftet, die Lasche zugeklebt. Er streckte die Hand danach aus, ballte sie zur Faust und zog sie wieder zurück. Er sah dem Mann hinterher, eine kleiner werdende Figur neben dem graubraunen Strom. Max öffnete den Umschlag. Fotos waren darin, leicht gebogen. Er zog sie hervor, blickte auf die Elbe und klopfte sich mit den Bildern auf die Hand. Dann sah er sie an. Ihm war, als blähe sich sein Magen und sein Hals. Foto für Foto wurde es schlimmer. Ein zerwühltes Bett, ein nackter junger Mann. Ein anderer Mann dabei, der Mann, der sich gerade dort hinten am Elbstrand in Sonne und Dunst aufzulösen schien. Max setzte sich in den vom gestrigen Regen feuchten Sand. Im Halbprofil war es besonders gut zu erkennen. Der nackte Junge war seine Frau. Deshalb konnte sie keine Kinder kriegen. Sie hatte ihm einmal mit abwehrend erhobenen Händen von einer schweren Operation mit Mitte Zwanzig erzählt. Das sei eine sehr, sehr schlimme Zeit gewesen, für sie - und für andere, die sie damals kannte, bevor sie München für immer verließ und nach Hamburg kam. Sie wolle nie – nie, nie wieder darüber reden.


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